3300 Shows in vier Wochen

Das Fringe Festival in Edinburg ist Kulturrausch pur.

Wer im August noch nichts vorhat, sollte nach Edinburgh fahren. „Defying the Norm“ – der Norm trotzen – das ist das Motto des Mammut-Spektakels Fringe, das seit 71 Jahren immer im August in Schottlands Hauptstadt Edinburgh stattfindet. Das Fringe Festival (auch Edinburgh Fringe oder nur The Fringe genannt) ist mit Abstand das weltweit größte Kulturfestival und für jeden Bühnenkünstler eine Reise wert. Jahrelang stand ein Besuch dort deshalb auf meiner persönlichen To-Do-Liste.

Die Dimensionen des Mega-Events Fringe sind überwältigend: Im Jahr 2017 gab es in den vier Festivalwochen 3398 Shows mit 53 232 Vorstellungen. Dafür wurden mehr als eine Million Tickets verkauft. Die Gesamtbesucherzahl dürfte aber doppelt so hoch sein, da für viele Fringe-Shows gar keine Tickets erworben werden können – dieses beliebte Geschäftsmodell, bei dem die Künstler am Ende der Show mit Eimer am Ausgang stehen und um eine „Spende“ bitten, nennt sich Free-Fringe.

Die Bandbreite des Programms umfasst wirklich jedes nur erdenkliche Genre der Bühnenkunst. Von klassischem Schauspiel über Musik- und Tanztheater bis hin zu dem, was man in unserem Sprachraum als „Kleinkunst“ bezeichnen würde – also Kabarett, Comedy, Burlesque, Experimentalkunst und natürlich auch Zauberei in allen Facetten. Jedoch kennt der Angelsachse die Unterscheidung zwischen großen und kleinen Künsten nicht und so steht beim Fringe alles gleichbedeutend nebeneinander. In den vergangenen Jahren hat sich „Fringe“ zu einer globalen Marke für Entertainment-Festivals entwickelt, und so gibt es gleichnamige Veranstaltungsformate inzwischen auch im australischen Adelaide, in Amsterdam und Dublin. Alle diese kleinen lokalen Fringe-Festivals zeichnen sich durch ihr Auswahlverfahren ohne Jury sowie die Vielzahl und inhaltliche Breite der Veranstaltungen aus. Das Original in Edinburgh ist aber nach wie vor unerreicht.

Die ganze Stadt wird zur Bühne

Immens ist auch die Anzahl der Spielstätten. Das offizielle Festivalprogramm verzeichnet auf seinen gut 300 Seiten mehr als 300 „Venues“. Das Spektrum der Räumlichkeiten reicht von klassischen Theatersälen und Kulturzentren bis hin zu säkularisierten Kirchen, moltonverhangenen Hotel-Konferenzräumen und bierdunstigen Kellern beliebter Pubs. Die meisten davon sind technisch zur vollsten Zufriedenheit von Publikum und Künstlern ausgestattet – inklusive der im Hinblick auf die selbst im Sommer nicht allzu hohen schottischen Temperaturen – eigentlich obsoleten Klimaanlagen. Wahrscheinlich hängen im August alle im Vereinigten Königreich verfügbaren Scheinwerfer und Lautsprecher in Edinburgh. Bemerkenswert freundlich und routiniert agiert auch das Heer der freiwilligen Mitarbeiter, das sich emsig um den Einlass und die Betreuung der Besucher kümmert; anders wäre das Mammutprogramm mit den im Stundentakt wechselnden Shows aber auch gar nicht zu bewerkstelligen.
Tatsächlich dauert jede Fringe-Show immer nur eine Stunde. Und den Künstlern bleibt darüber hinaus nur eine sehr kurze Zeit für die Vorbereitung und den Abbau ihrer Shows. Braucht man länger und kommt es zu Verzögerungen, wird eine Geldstrafe fällig. Das diszipliniert offenbar so gut, dass es zu keinen Verzögerungen und Abweichungen im Programmablauf kam. Das wichtigste technische Equipment ist daher die große Uhr am Technikpult oder am Bühnenrand die den Künstlern zeigt, wie viel Restspielzeit ihnen noch bleibt.

Fringe fordert Kondtition

Ein Tag auf dem Fringe kann für ambitionierte Besucher durchaus anstrengend werden – schließlich gibt es schon ab 10 Uhr Spannendes zu erleben und die letzten Shows beginnen noch weit nach Mitternacht. Mit eiserner Disziplin und generalstabsmäßiger Planung konnte ich in meinen vier Tagen Fringe so mehr als 20 verschiedene Shows sehen; mein persönlicher Tagesrekord lag bei sieben Vorstellungen. Um dieses Pensum zu schaffen muss man jedoch die Wegezeiten zwischen den Veranstaltungsstätten geschickt optimieren. Zwar liegen alle Spielstätten in einem Radius von fußläufigen nur 30 Minuten, jedoch ist während des Fringe mit einem erhöhten Verkehrsaufkommen – auch auf den Trottoirs zu rechnen. Die ganze Stadt ist in Bewegung, und es begegnen einem überall Künstler mit Rollkoffern – teilweise bereits geschminkt und in vollem Kostüm – die eilig auf dem Weg zu ihrer nächsten Show sind. Zwischendurch gibt es immer wieder Ablenkung durch Straßenkünstler und die Wege sind zudem gesäumt von flyerverteilenden Promotionfachkräften die einem immer wieder nahelegen doch noch die eine wirklich großartige Comedyshow zu besuchen.
By the way: Ein wirklich erfolgreicher Fringe-Künstler verlässt sich nicht allein auf die Profiflyerer sondern nutzt die Zeit zwischen seinen Auftritten auch selbst zur direkten Ansprache potentieller Besucher. Einen besonders eifrigen Comedian, der in der Rolle eines afrikanischen Diktators auftritt, habe ich jeden Tag mehrmals an verschiedensten Orten der Stadt in seiner Phantasie-Uniform charmant um Zuschauer werbend gesehen. Auch der Auftritt in den vielen Mix-Shows des Festivals scheint offenbar eine effektive Werbemöglichkeit darzustellen und daher versuchen erfahrene Fringeveteranen auch immer noch ein paar Zusatz-Gigs bei derlei Gelegenheiten wahrzunehmen.

Zauberei auf dem Fringe

Das Angebot an Magic-Shows auf dem Fringe ist mehr als reichhaltig. Bei den 35 im Programmheft aufgelisteten Zaubershows ist sicher für jeden magischen Geschmack etwas dabei – von Close-up über Mentalmagie bis hin zur Kinderzauberei reicht das Programmspektrum. Viele der beim Fringe auftretenden Zauberkünstler waren mir vorher nicht bekannt ,obwohl sie im Vereinigten Königreich offenbar zu den „Household-Names“ zu zählen scheinen; im britischen TV gibt es eine Reihe von Zaubershows mit bei uns wenig bekannten Künstlern und nach dem großen Erfolg von Derren Brown gibt es nun inzwischen auch reichlich Klone desselben.
Erstaunlich jedoch, dass auch bei einem so großen Festival nur eine zaubernde Frau mit einer Soloshow im Programm vertreten war (mit geschichtenerzählender Zauberkunst). Auch internationale Performer – also solche, die nicht dem angelsächsischen Kulturkreis angehören – sind beim Fringe noch eher spärlich vertreten. Aus Deutschland kam 2017 nur René Frotscher, der sich für seine englischsprachigen Gastspiele übrigens Renemazing nennt. Asien war nur mit einer „Best-of-Korea Magic-Show“ vertreten. Somit entsprach das Gros der Zauberer wieder dem Klischeebild „junger weißer Mann“. Diese kulturelle Einfalt ist in Anbetracht des so bunten Festivalprogramms doch etwas enttäuschend. In anderen kulturellen Gewerken war dies übrigens nicht der Fall, vielleicht sagt das ja auch ein bisschen was über unsere Kunst aus.

Das Qualtitätsniveau der von mir besuchten Zaubershows war durchweg sehr hoch und ich habe mich generell sehr gut unterhalten gefühlt, was sicher auch daran liegt, dass gute Künstler bei einem Zeitlimit von nur einer Stunde auf „Füllmaterial“ und „Zeitschindereien“ verzichten können.

Kurz am Rande erwähnt sei jedoch, dass der für mich magischste Moment nicht in einer klassischen Zaubershow enthalten war, sondern die sehr unkonventionelle Vorführung einer Zersägten Jungfrau in dem Performance-Spektakel Dr Carnesky’s Incredible Bleeding Woman das sich der weiblichen Menstruation gewidmet hat. Ja, auch sowas ist im Fringeprogramm zu finden und es lohnt sich durchaus sich auf solche Shows abseits der Norm einzulassen. Die Künstlerin Dr. Carnesky hat mir im Nachgang der Show übrigens erzählt, dass sie sich ihre unkonventionelle Vorführung vom ehrwürdigen Londoner Magic Circle absegnen ließ…

Auch in diesem Jahr gibt es natürlich wieder ein Fringe Festival in Edinburgh das vom 3. bis zum 27. August 2018 dauert. Infos zum Programm gibt es unter www.edfringe.com.

Dieser Beitrag wurde in der Juli-Ausgabe der Zeitschrift magie veröffentlicht. Ergänzend dazu habe ich in einem Online-Special auf der Website der Zeitschrift auch noch Rezensionen einiger Darbietungen einiger Zauberkollegen veröffentlicht, die im vergangenen Jahr auf dem Festival aufgetreten sind. (Colin Cloud, Snap, Ben Hart, You Can’t Polish a Nerd, Mag Daddy, Adda Campe, The Psychic Project, The Naked Magicians)