Warum machen sich die guten Feen so rar?

Markus Laymann fragt...

In einem Interview zitierte der unlängst verstorbene Autor und TV-Moderator Roger Willemsen einen Satz, den er sich in jungen Jahren eingeprägt hatte. In seinem Studentenjob als Nachtwächter in Bonn trug er stets schreiend bunte Socken zur mausgrauen Uniform und erhielt von seinem damaligen Chef in Anbetracht dieser modischen Schrulle eines Tages folgende Ermahnung: „Das gehört verschwunden.“  Was für eine fulminante Passivkonstruktion. Aber nicht nur für Grammtik-Freaks, nein auch besonders für Zauberkünstler ist dieser Satz ein wunderbarer Imperativ – gehört das „Verschwinden lassen“ doch zu den magischen Grundeffekten. Leider beschränken wir die Anwendung dieser Fähigkeit in der Regel nur auf so banale Dinge wie Münzen, Tücher oder Spazierstöcke. Dabei gibt es in unserem Alltag soviel mehr was unbedingt „verschwunden“ gehört. Und dabei denke ich nicht mal an so große entsorgungstechnische Herausforderungen wie das Verschwinden lassen von Atommüll, die Beseitung von Bausünden unserer Elterngeneration, die Entfernung toter Tiere von den Häuptern amerikanischer Präsidentschaftskandidaten oder das rückstandslose Absetzen von Reality-TV-Formaten. Nein, auch im Bereich der Zauberkunst selbst gibt so einiges, das „verschwunden“ gehört. Und sollte mir einiges Tages die wundervolle Fee Magica begegnen, die wie alle Fabelwesen Wünsche immer im praktischen Dreierpack offeriert, bin ich vorbereitet ihr Angebot ohne Zögern anzunehmen. Wie aus der Tuchpistole geschossen, würde ich ihr sofort die folgenden drei optischen Entgleisungen nennen, die sie bitte bitte bitte restlos und auf ewig verschwinden lassen sollte… als da wären:

 markus_karikatur_FotorZum Zauberkoffer mutierte Alu-Werkzeugkoffer

Alles was Männern wichtig ist, sei es die Edel-Fotoausrüstung, die Turbo-Schlagbohrmaschine oder das Angelzubehör landet heutzutage über kurz oder lang in einem jener praktischen Alukoffer mit variablen Innenfächern, wie man sie in jedem Baumarkt für kleines Geld in allen Größen erwerben kann. Am Einsatz dieser praktischen Vielzweckbehälter im Bereich der Zauberkunst ist prinzipiell  nichts auszusetzen solange sie – achtung, das ist wichtig -nicht auf der Bühne oder vor Publikum offen präsentiert werden. Merke: Allein die sichtbare Präsenz eines so profanen Gepäckstücks degradiert jede Kunst zum praktizierten Nerdrum.

Roll-Up-Displays auf der Bühne

Ja, klar sie sind praktisch und garantieren optimale Aufmerksamkeit: Die meist 2 x 1 Meter großen, bunt bedruckten und ausziehbaren Motivständer aus der Onlinedruckerei. Und sicherlich entfalten sie auch in jedem Theaterfoyer ihre optimale Werbewirkung zur Ankündigung kommender Events. Aber auf einer Bühne hat derlei profaner Tand nun wirklich nichts verloren – es sei denn es wird dort eine Verkaufsvorführung für Heizdecken oder Topfsets vor einer mit koffeinfreien Kaffee und Blechkuchen sedierten Rentnerschar abgehalten. Dieses strikte Bühnenverbot gilt übrigens analog auch für jede Art von Werbemittel; denn schließlich sollte es im Rahmen eines künstlerischen Livespektakels nur um genau den einen Moment gehen dem der Zuschauer beiwohnt und nicht darum einen zukünftigen Geschäftsabschluss anzubahnen.

Krawatten mit Spielkartenmuster

Eigentlich sollte es diese modische Extravaganz ja schon längst nicht mehr geben. Schließlich sind die 80er Jahre nun schon ettliche Weiberfastnachtstage her. Aber aus irgendeinem unerfindlichen Grunde konnte die schlimmste Ausprägung des magischen „Bad-Taste“ bis heute unbeschadet in den Kleiderschränken von Hansini & Co. überdauern. Und bei besonderen Anlässen und an hohen magischen Feiertagen werden die bedruckten Horror-Langbinder von ihren Besitzern ohne Scham aus der Kleiderkammer des Schreckens hervorgeholt und offen getragen. Witzigkeit kennt offenbar tatsächlich keine Grenzen.

Alukoffer, Roll-Up-Displays und Kartenkrawatten – ja all das gehört verschwunden. Aber eigentlich – liebe(r) Leser(in) bräuchte es dafür doch keine gute Fee. Oder?

 

Dieser Beitrag erschien im Rahmen meiner monatlichen Kolume “Warum – Markus Laymann fragt” in der Zauberfachzeitschrift Magie im Mai 2014

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