Warum ist die Magie noch immer so maskulin?

Markus Laymann fragt...

Bei der Durchsicht der lange verschollen geglaubten Gründungsunterlagen unseres Ortszirkels erhalten machte ich unlängst folgende spannende Entdeckung: In einem Nachtrag zur Vereinssatzung aus dem Jahr 1923 sahen sich unsere Altvorderen zur Aufnahme des folgenden Passus genötigt: „Von der Aufnahme von Damen soll abgesehen werden“. Eine solche Restriktion in den Vereinsstatuten schien annodazumal durchaus berechtigt. Hatten nicht erst kaum vier Jahre zuvor die Frauen in Deutschland nicht schon das allgemeine Wahlrecht erhalten und wurde nicht in den USA fast zeitgleich – auch unter dem massiven Einfluss der politisch-organisierten Weiblichkeit die Prohibition eingeführt? Es stand also viel auf dem Spiel…

Nun, in den letzten 90 Jahren hat sich – auch im Süden unseres Landes – doch einiges geändert. Das Frauenverbot im Münchner Zirkel wurde aufgehoben und zwischenzeitlich zählen wir sogar zu den Ortszirkeln mit dem höchsten Anteil weiblicher Mitglieder.

Darf sich der MZvD-Gleichstellungsbeauftragte also zufrieden zurücklehnen? Mitnichten. Denn allen emanzipatorischen Teilerfolgen zum Trotz ist es offenbar für Kongressorganisatoren auch heute noch schwer bis unmöglich innovative weibliche Acts für eine Zaubergala zu finden – gäbe es da nicht noch sandmalende und kofferbalancierende Vertreterinnen der gehobenen Varietékunst– das Line-up vieler Zaubershows bliebe zu 100% männlich. Und obschon ich mich zu den Trägern des güldenen Zirkelabzeichens zählen darf, kann ich mich an keine Frau erinnern, die je eine MZvD-Seminartournee unternommen hätte.

Woran liegt es also, dass unsere Kunst noch immer so männlich dominiert ist und dass sich unsere Zauberfreundinnen bei der künstlerischen Weiterentwicklung der Magie so zurückhaltend zeigen?

markus_karikatur_Fotor

Einmal im Monat fragt Markus Laymann “Warum?” – in seiner Kolumne in der Zauberfachzeitschrift “Magie”.

By-the-way: Der Feminist in mir würde schon lange gerne mal wissen: Wer steckt die Töchter und Enkelinnen Mayas immer wieder in unmodische Kittelschürzen und zwingt sie in der Zirkelshow als „Zaubernde Putzfrauen“ aufzutreten? Auf diese Weise erweitern unsere Damen zwar das Heer der „Exit“-vorführenden Hausmeister um eine weitere naiv-täuschende Bühnenfigur wirklich glücklich ist diese Rollenauswahl aber selten. Neben der zaubernden Raumpflegerin zählt übrigens auch noch das traditionelle Stereotyp der „Hexe“ – wahlweise mit und ohne Besen- tapfer zu den beliebtesten magischen „Alter-egos“ für doppel-x-chromosomige Täuschungskünstler. Etwas aus der Mode gekommen scheinen dagegen seit der Jahrtausendwende die frivol-erotischen weiblichen Bühnenfiguren der 70er und 80er Jahre. Die älteren unter meinen treuen Lesern werden sich sicher noch freudig daran erinnern, dass seinerzeit sogenannte „Feen“ leicht bis äußerst-spärlich bekleidet über Europas Bühnen schwebten. Aus künstlerischer Sicht ist das Verschwinden der Magic-Porno-Queens tatsächlich nicht weiter schlimm; das Frauenbild auf unseren Bühnen hat sich aber trotzdem nicht wirklich weiterentwickelt. Noch immer produziert die manipulierende Magierin lieber Ringe und Lippenstifte als Bälle und Karten. Auch fühlen sich viele unserer magischen Schwestern noch immer mehr zur Kinderzauberei als zur Kartenkunst hingezogen und in der Mentalmagie reduziert sich „ihre“ Rolle häufig auf die der lebenden codeentschlüsselnden Empfangsstation beim Zweipersonen-Act. Mit Besorgnis ist ferner zu vermelden, dass der Bestand weiblicher Close-Upper heutzutage weltweit noch geringer ist als der an weißen Tigerweibchen. Und wenn eine spannende weibliche Bühnenfigur gute innovative Zauberei mit Witz und Esprit kombiniert, dann stellt sich beim Blick in die Bühnengarderobe leider oftmals heraus, dass „sie“ im wirklichen Leben ein „er“ ist. Tootsini lässt grüßen!

Heilige Alice steh uns bei! Das soll und darf nicht länger so bleiben. Deshalb rufe ich allen meinen Zauberkolleginnen heute zu: Habt in der Zukunft bitte mehr Mut! Mut zu besserer und innovativerer Zauberei jenseits aller Klischees. Nur damit erobert ihr Euch endlich den Platz, der Euch in der Zauberkunst zusteht! Denn schließlich sind „die Magie“, „die Zauberei“ und „die Täuschung“ weiblich!

Dieser Beitrag erschien im Rahmen meiner Kolume “Warum – Markus Laymann fragt” in der Zauberfachzeitschrift Magie im Dezember 2105

Alle hier veröffentlichten Beiträge aus dieser Kolumne lesen…