Warum sind wir alle Charlie?

Markus Laymann fragt...

Just am selben Tag als in Paris zwei islamistische Fanatiker die Redaktion der französischen Satirezeitung „Charlie Hebdo“ stürmten war in einer englischen Zeitung zu lesen, dass ein syrischer Straßenzauberer durch die Mörderbanden des Islamischen Staates enthauptet wurde. Das Motiv für diese grausame Bluttat war, dass der arabische Zauberkollege die leidgeprüften Menschen seiner Heimatstadt Raqqa mit Illusionen unterhielt, die von westlichen Street-Magicians inspiriert wurden; er ließ Münzen verschwinden und verblüffte mit Kartentricks. Mit seinem harmlosen Zauberspiel wollte er seinen Mitbürgern nur ein wenig Ablenkung vom grausamen Bürgerkriegsgeschehen schenken als er von einem Dschihaddisten-Kommando aufgegriffen und in aller Öffentlichkeit auf bestialische Art ermordet wurde.

… wir Zauberkünstler dürfen unsere Kunst mit gewissem Stolz auch als die „Kunst der Aufklärung“ bezeichnen; mit jedem Zaubertrick demonstrieren wir unserem Publikum schließlich, dass nichts so ist, wie es scheint und dass es mehr als nur eine Version der Wirklichkeit gibt. Wir führen mit unseren Täuschungen die elementarsten Gesetze, nämlich die der Natur ad absurdum und stellen dadurch die durch und durch revolutionäre Frage „Was wäre wenn…“.

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Einmal im Monat fragt Markus Laymann „Warum?“ – in seiner Kolumne in der Zauberfachzeitschrift „Magie“.

Schon seit jeher steht die Magie nach Auffassung religiöser Fundamentalisten in Konkurrenz zum göttlichen Monopol auf übersinnliche Kräfte und ist daher als „Blasphemie“ zu bestrafen. Der bedauernswerte syrische Straßenkünstler hatte nach Aussage von Augenzeugen jedoch zu keinem Zeitpunkt behauptet selbst magische Kräfte zu besitzen. Aber auch schon das Vorführen von Zaubertricks widerspricht dem Täuschungsverbot das die religiös Verblendeten ebenfalls mit der islamischen Tradition begründen. Eine derart fundamentale Auslegung des Korans und der Scharia illustriert auf erschütternde Weise, mit welch kruder Wirklichkeitskonstruktion sich die syrischen „Gotteskrieger“ durch die Moderne bewegen. Aber nicht nur im Einflussbereich des IS – auch in anderen fundamental-islamistischen Staaten leben Zauberkünstler heute noch gefährlich. So gehört „Hexerei und Zauberei“ neben Vergewaltigung, Drogenhandel und Mord z.B. zu den Straftatbeständen, die in Saudi-Arabien mit der Todesstrafe geahndet werden. Angesichts dieser offenbar im Morgenland noch weit verbreiteten religiösen Verblendung ist jede abendländische Überheblichkeit aber Fehl am Platze. Vielmehr sollte man angesichts dessen erneut daran erinnern, dass die letzten Scheiterhaufen in deutschen Landen erst im 18. Jahrhundert gelöscht wurden; obwohl das Buch „Discovery of witchcraft“, das leider bis heute noch nicht ins Arabische übersetzt wurde, in England bereits anno 1548 erschien, dauerte es also noch gut zweihundert Jahre ehe man in Kontinentaleuropa im Zuge der Aufklärung dem religiös verblendeten, letalen Nonsens der Hexenjagden endgültig Einhalt gebot.

Die Ideen der Aufklärung bilden fortan das geistige Fundament unserer offenen Gesellschaften. Und wir Zauberkünstler dürfen unsere Kunst mit gewissem Stolz auch als die „Kunst der Aufklärung“ bezeichnen; mit jedem Zaubertrick demonstrieren wir unserem Publikum schließlich, dass nichts so ist, wie es scheint und dass es mehr als nur eine Version der Wirklichkeit gibt. Wir führen mit unseren Täuschungen die elementarsten Gesetze, nämlich die der Natur ad absurdum und stellen dadurch die durch und durch revolutionäre Frage „Was wäre wenn…“.

Das Staunen ist der Anfang jeder Erkenntnis – das wussten schon die griechischen Philosophen und somit ist „Staunen machen“ auch immer eine zutiefst politische Handlung. Jede kunstvoll präsentierte Täuschungen fordert die Menschen dazu auf selbständig zu denken und sich für einen Moment ihres EIGENEN Verstandes zu bedienen. Nix anderes will auch die Satire. Deshalb war diese zentrale Idee der Aufklärung auch die Botschaft für die die Autoren und Zeichner von „Charlie Hebdo“ stets mutig eingetreten sind. Wer gestern noch „Je suis Charlie“ gepostet und gewittert hat muss heute dieses Selbstbekenntnis auch erfüllen und den Kampf für die Offene Gesellschaft mutig fortsetzen. Egal ob mit dem Zeichenstift oder dem Zauberstab. Sapere Aude!

Dieser Beitrag erschien im Rahmen meiner Kolume “Warum – Markus Laymann fragt” in der Zauberfachzeitschrift Magie im Dezember 2105

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