Warum ist der Erklärbär gemein?

Markus Laymann fragt...

In der heutigen Folge unseres kleinen Tierlexikons wollen wir uns einer in Magierkreisen bislang eher vernachlässigten Spezies zuwenden: Dem Ursus explicatoris simplex – besser bekannt als „Gemeiner Erklärbar“. Zoologisch betrachtet gehört dieser gefährliche Feld-Wald-und-Bühnen-Schädling zur Klasse der rückgratlosen Wirbeltiere und zur Gattung der Aufmerksamkeits-Parasiten.

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Einmal im Monat fragt Markus Laymann „Warum?“ – in seiner Kolumne in der Zauberfachzeitschrift „Magie“.

Lebensweise: Der gemeine Erklärbär ist als Raubtier ständig auf der Jagd nach Aufmerksamkeit und Beachtung. Nur wenner davon immer genug erbeuten kann, ist er auf Dauer lebensfähig. Aufgrund eines eher schwach entwickelten Kreativpotentials zieht er jedoch die parasitäre Lebensweise vor und begnügt sich damit Zaubertricks öffentlich zu enthüllen anstatt sie selbst vorzuführen. Seine Ernährung besteht somit zu 100% aus fremden Lorbeeren.
Ursprünglich war der gemeine Erklärbar ein eher scheues Tier das vorwiegend im Untergrund lebte und äußerst lichtscheu war. Man traf ihn zunächst nur in Theaterfoyers bei Zaubergalas an. Nur einzelne ausgewachsene Exemplare wagten sich – dann aber meist gut getarnt und maskiert – vereinzelt in die Öffentlichkeit. So fristete der Erklärbär lange ein sehr karges und entbehrungsreiches Dasein. Dies änderte sich jedoch schlagartig zur Jahrtausendwende: Mit der Verbreitung des Internets entstand ein perfektes Ökosystem für alle Formen sozialinadäquater Neigungen; in der Anonymität des virtuellen Raums fanden Erklärbaren optimale Entwicklungsbedingungen, so dass sich im Laufe der Zeit die einstmals stark dezimierte Population nicht nur erholen, sondern immer weiter wachsen konnte.

Verbreitung: Der ideale Lebensraum des Erklärbären sind soziale Netzwerke. Gerade auf Videoplattformen und in Foren findet man heute viele prachtvolle Exemplare dieser Gattung. Sie vegetieren dort in perfekter Symbiose mit verwandten Arten wie den ständig Schminktipps-absondernen Sabberamseln oder den amöben Modeblog-Wachteln. Ebenso wie der Erklärbar haben sich auch diese Arten in den letzten Jahren zu einer echten Landplage entwickelt, durch die die bisher in Webvideos vorherrschende Gattung der Hauskatzen immer mehr zurückdrängt wurde, so dass sie dort wohl bald auszusterben droht.
Symbiose: Im Bezug auf das Zusammenleben mit Menschen ist beim Gemeinen Erklärbär übrigens eine erstaunliche Parallele mit Stadttauben feststellbar: Fachleute sehen in ihnen schlicht Ungeziefer, dessen Bestand unbedingt zu dezimieren ist, Laien hingegen empfinden sie als possierliche Gesellen die man füttern muss. Die Tauben mit Brot, den Erklärbaren mit „Likes“.

Magie_01-2015Dieser Beitrag erschien im Januar 2015 Rahmen meiner Kolume „Warum – Markus Laymann fragt“ in der Zauberfachzeitschrift Magie.

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