Warum ist der Preis nicht immer heiß?

Von der Kabarettistin Simone Solgar stammt das schöne Bonmot: „Marketing ist für Dumm verkaufen, Vertrieb ist an Dumm verkaufen.“ Oder anders gesagt: In jedem geschicktem Marketing steckt immer ein guter Teil Täuschung. Diese Erkenntnis scheint sich ein englischer Mentalmagier bei der Gestaltung seiner Website zu Herzen genommen zu haben: Dort publizierte er nämlich eine Serie von Bildern, die ihn in vertrauter Pose mit britischen Premiumprominenten zeigte. Dem unbedarften Betrachter vermittelte diese beeidruckende Galerie den Eindruck, dass der hier in illustrer Gesellschaft abgebildete Mentalist tatsächlich bereits vor Showgrößen wie George Michael oder Tony Bennett (die Älteren unter den Lesern werden sich auch an diesen Namen erinnern) seine Täuschungskünste zeigen durfte. Geblendet durch die Strahlkraft dieser Stars fiel kaum einem Betrachter der etwas starre geradezu „verstockte“ Gesichtsausdruck auf, mit dem alle abgebildeten Prominenten auf diesen Bildern in die Kamera blickten; handelte es sich doch bei den Abgebildeten allesamt nicht um Promis aus Fleisch und Blut, sondern um Wachsfiguren aus einem englischen Panoptikum. Unser cleverer Zauberfreund stellte sich für die imposanten Selfies einfach neben die gewachsten Doppelgänger der Stars. Aus tricktechnischer Sicht durchaus ein origineller Einfall – jedoch flog der Schwindel unlängst auf und der Kollege wurde ob dieser plumpen Verbrauchertäuschung über Nacht zum Gespött der ganzen englischen Zunft.
warum_preis_FotorMit seinem hier zur Schau gestellten übertriebenen Geltungstrieb ist der Kollege von der Insel jedoch kein Einzelfall.

Und deshalb gibt es auf dem magischen Jahrmarkt der Eitelkeiten auch ganz speziell designte Produkte zur Steigerung des Selbstwertgefühls von bisher in der Öffentlichkeit wenig beachteten Künstlerpersönlichkeiten. Wem zum Beispiel die fotografisch dokumentierte Nähe zu preisgekrönten Promis noch nicht als Ausweis der eigenen Größe reichen sollte, der strebt sicher danach, sich selbst mit Preisen und Auszeichnungen zu schmücken. Am besten natürlich mit internationalen Awards, die in ihrer Bedeutung mindestens der eines Oskars oder eines Nobelpreises entsprechen. Leider wurde für beide Preise bislang noch nicht die Kategorie „Zauberei“ eingeführt; diese eklatante Lücke hat sich seit einigen Jahren ein ebenso kreativer wie geschäftstüchtiger Magier aus den USA zunutze gemacht. Er gründete eine „internationale Zaubervereinigung“ eigens zu dem Zweck um in deren Namen den „Merlin-Award“ aus zuloben. Diesen Ehrenpreis verlieh er dann zur Steigerung von dessen Bedeutung flux auch an ein paar unbestrittene Größen unserer Zunft, die offenbar unbesehen alles an Preisen annehmen was ihnen entgegengestreckt wird oder denen es einfach zu müßig ist, alles was ihnen an Nippes unbestellt ins Haus geschickt wird wieder zurückzuschicken. So konnte der hypermerkantil veranlagte Vereinspräsident fortan mit Fug und Recht behaupten, seine Vereinigung würde den „bedeutendsten aller Magierpreise“ vergeben. Dessen Wert könnten Skeptiker ja unschwer daran erkennen, dass ihn bereits Top-Stars wie…. erhalten haben. Und fortan vagabundiert der gute Mann wild preisverteilend durch die ganze Welt und beglückt künstlerisch mediokre aber mit großen Ambitionen gesegnete Nebenerwerbsmagier mit seinen „Oscars der Zauberkunst“. Preisverleihung auf Zuruf: Eigentlich eine brillante Idee um sich als Künstler seinen Lebensabend auch ohne KSK mit spesenfreien Kurztrips interessant und angenehm zu gestalten. Stets eine warme Mahlzeiten inklusive.
Wem es dagegen nach akademischen Ehren gelüstet, für den hält der „Konsul Weyer der Zauberkunst“ übrigens auch einen Doctor of Magic in seinem Portfolio bereit. Gegen Einwurf kleiner Münzen kann man ein Online-Examen absolvieren, das den erfolgreichen Absolventen nicht nur eine akademisch gestaltete Urkunde in Laserdruckerqualtiät beschert, sondern ihn auch zum Tragen dieses schönen Titels „berechtigt“. Hierzu ein kostenloser Rechtsrat: In Deutschland sollte man jedoch aufgrund der vielfach dokumentierten Humorlosigkeit hiesiger Strafverfolgungsbehörden im Bezug auf Titelfragen eher davon Abstand nehmen, sich diesen Doktorgrad auf die Visitenkarten drucken zu lassen. Auch Politikern ist aus Karrieregründen davon dringend abzuraten, obwohl ein akademischer Grad in Täuschungswissenschaften für jeden Volksvertreter eigentlich ein durchaus sinnvoller Qualifiktationsnachweis wäre…

Eine im Geltungsbereich des deutschen Strafrechts legale Alternative zur Steigerung der persönlichen Reputation bietet dafür aber ein periodisch erscheinendes Künstlermagazin: Dieses Katalogwerk war – vor der Erfindung des Internets – einst ein gefragtes Branchenbuch in dem der unbedarfte Laie oder auch der einfallslose Veranstaltungsprofi mit wenig Aufwand die Adressen von Unterhaltungsprofis aller Sparten recherchieren konnte. Unzählige Firmenfeiern wurden seinerzeit mit „Entertainment aus dem Katalog“ attraktiver gestaltet. Dieses Alleinstellungsmerkmal hat dieses Hochglanzprintprodukt im Zeitalter von Google & Co. natürlich verloren. Und deshalb scheint der Verlag nun sein Geschäftsmodell zeitgemäß angepasst zu haben; schon seit ein paar Jahren lässt es sich für die verbliebenen Inserenten nämlich offenbar nicht vermeiden über kurz oder lang auch den von diesem Hause verliehenen Titel „Künstler des Jahres“ inklusive einem güldenem Vlies feierlich verliehen zu bekommen. Ehre wem Ehre gebührt!

Magie_2015_03Dieser Beitrag erschien im Rahmen meiner Kolume “Warum – Markus Laymann fragt” in der Zauberfachzeitschrift Magie im März 2105

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