Varoufakis Stinkefinger – Fake oder Fake-Fake?

Satiriker Böhmermann will das Skandalvideo gefälscht haben. Oder ist alles nur ein Spiel mit den Realitäten?

Eine angebliche Täuschung beschäftigte vergangene Woche die Nation: War der „Stinkefinger“ den der griechische Finanzminister in einem Filmausschnitt, der in Günther Jauchs allsonntäglicher „Volkstalkshow“ Deutschland entgegen gestreckt wurde nun „doctored“ – also eine Fälschung? Oder war die Selbstbezichtigung des Satirikers Jan Böhmermann in seiner Show Neo – Das Magazin selbst ein Fake?

Im Grunde kann diese Frage, die für ein paar Stunden die aufgeklärte Nation beschäftigte nunmher auch unbeantwortet bleiben; denn dadurch, dass die Frage „Falsch oder Echt“ zum Gegenstand der Satire wurde, ist die Antwort schon gegeben.

Aber dennoch wird in diesem Beitrag sehr eindrucksvoll illustriert, wie einfach heute auch Bewegtbilder gefälscht und manipuliert werden können. Durch handelsübliche Computerprogramme und mittels greenbox-Technik, die inzwischen auch schon für kleines Geld erhältlich ist, kann man offenbar Teile eines Films so geschickt verändern, dass der ausgestreckte Finger zur harmlos wischenden Hand oder umgekehrt wird. Unbemerkt fürs Publikum und auch für Experten nicht mehr wirklich eindeutig als Fälschung oder Original erkennbar. Mit einer guten und plausiblen Background-Story versehen, lösen sich auch

Satire ist nichts als die lautere Wahrheit.
Neo-Böhmermann inszeniert mit diesem Beitrag ein großartiges Stück Medien- und Sozialkrititk: Allzugern neigen wir – die Medien und die Medienöffentlichkeit – dazu aus jeder Mücke einen Elefanten zu machen; alles und jeden zu skandalisieren. So wird im tagtäglichen Talkshowgeblubber aus einem vor zwei Jahren ausgestreckten Finger durch ein geschickt geschnittener Filmschnippsel schwupps eine „Staatsaffäre“, aus einer – fast schon alltäglichen – Geste eine Kriegserklärung. Diese Satire auf und über den Finger zeigt uns wie irrelevant und wie sehr an den Haaren herbeigezogen die ganze „Staatsaffäre“ eigentlich ist. Oder wie Böhmermann so treffend sagte:

„Niemals würden wir die notwendige, journalistische Debatte über einen zwei Jahre alten, aus dem Zusammenhang gerissenen Stinkefinger (…) derart skrupellos der Lächerlichkeit preisgeben.“

Griechenlands Finanzdesaster wächst sich angesichts immens steigender Säuglingssterblichkeiten und einer sich dramatisch verschlechternden medizinischen Versorgung für die griechische Bevölkerung inzwischen zu einer veritablen humanitären Katastrophe aus; anstatt dies und die Folgen daraus hierzulande „wahrzunehmen“ und die richtigen und vernünftigen Konsequenzen aus der Eurokrise und den damit verbundenen systemisch-ökonomischen Problemen zu ziehen, echauffieren wir uns über eine falsch interpretierte Geste, die übrigens in der Geschichte Griechenlands schon eine lange Tradition hat. Der kynische Philosoph Diogenes soll sie Besuchern der Stadt Athen gezeigt haben, die den berühmten Rhetor Demosthenes sehen wollten; dazu habe er gerufen: „Da habt ihr euren athenischen Demagogen!“ Man kann diese Geste also auch einfach als traditionellen griechischen „Gruß“ wahrnehmen.