Ente oder Hase?

Das bekannte Kippbild stellt interessante psychologische und philosophische Fragen.

Was sehen Sie auf diesem Bild? Eine Ente oder einen Hasen?

Was sehen Sie auf diesem Bild – einen Hasen oder eine Ente? Oder inzwischen sogar abwechselnd beide Tiere?

Dieses klassische Kippbild stammt von dem amerikanischen Psychologen Joseph Jastrow. Anderen Quellen zufolge wurde dieses Bild zum ersten Mal in der deutschen Satirezeitung „Fliegende Blätter“ in ihrer Ausgabe vom 23 Oktober 1892 veröffentlicht. Der Enten-Hase-Kopf ist mittlerweile zu einer Ikone der Wahrnehmungsphilosophie geworden.

Für Psychologen sind Kippfiguren – ebenso wie Wahrneh­mungstäu­schungen – ein belieb­tes Mittel, um zu demon­strieren, dass Wahrneh­men nicht (vollends) von den äuße­ren Gege­benhei­ten, die auf die Sinnes­orga­ne einwir­ken, bestimmt ist. Wie die Subjek­tivi­tät im Fall der Kippfi­guren bei unver­änder­ten Gege­benhei­ten zu verschie­denen Ein­drücken kommt ist indes­sen bis heute wissenschaftlich noch weitgehend unge­klärt.

Gestalttheorie

„Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.“ Mit dieser holistischen Grundthese hob sich die Gestalttheorie zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegen einen elementaristischen Strukturalismus und Reduktionismus ab. Die Gestalttheorie war eine der ersten Richtungen der experimentellen Psychologie, die sich mit der Frage beschäftigte, wie Objekte in einem Bild erkannt werden. Bedingung für die Möglichkeit, ein Objekt in einem Bild erkennen zu können, ist die Unterscheidung von Figur und Hintergrund. Figur und Grund können nicht beide zusammen und zugleich wahrgenommen werden. Der gestalttheoretischen Auffassung zufolge wird eine Figur immer als eine vor dem Hintergrund liegende „Gestalt“, als „organisierte Ganzheit“ wahrgenommen.

Osterhasen im Oktober

Das Enten-/ Hasebild war immer wieder Gegenstand interessanter Studien mit zum Teil sehr interessanten Ergebnissen: Eine empirische Studien belegt, dass zu den Voraussetzungen für das „Erleben des Kippbildwechsels“ ein Vorwissen und eine gewisse Voreingenommenheit zählen. So präsentierte man z.B. Probanden Kippfiguren, ohne sie von den Wahrnehmungsalternativen zu unterrichten. Das Ergebnis: Im Gegensatz zu den Erwachsenen bemerkte nur ein sehr geringer Prozentsatz der 4- bis 5-jährigen Kinder den Gestaltwechsel (92 % der Erwachsenen im Vergleich zu 8 % der Kinder). Erst nach entsprechenden Hinweisen gelang es einigen Kindern, die Doppeldeutigkeit von Kippfiguren zu entdecken, und selbst dazu benötigten sie ungewöhnlich viel Zeit.

Einer anderen  amerikanischen Studie aus dem Jahr 1993 zufolge hängt es z.B.  anscheinend von der Jahreszeit ab ob die Mehrzahl der Betrachter in der Figur zuerst einen Hase oder eine Ente sieht. Die Forscher wollten an zwei verschiedenen Zeitpunkten von Kindern und wissen, was sie auf dem Bild sahen. Kinder, die am Ostersonntag befragt wurden, erkannten auf dem Bild eher einen Hasen. Die Kinder, die im Oktober gefragt wurden, sahen vorwiegend eine Ente.

Wahrnehmung ist kein passiver Vorgang, der die Welt lediglich abbildet, Wahrnehmung ist vielmehr aktiv, sie erzeugt die Gestalt der Dinge. Interessanter Weise ist die Rate, mit denen Kippfiguren zwischen zwei möglichen Lösungen hin- und herspringen, nicht bei allen Menschen gleich. Die beiden australischen Psychologen John Pettigrew und Steven Miller fanden in einer weiteren Studie heraus, dass Patienten mit bipolaren Störungen eher bei einem der beiden Bilder „hängenbleiben“ als gesunde Menschen. Sie vermuteten, dass das neurologische Ursachen hat. Sowohl die bipolare Störung als auch die träge Wahrnehmung von Kippfiguren, habe mit einer gebremsten Umschaltrate zwischen den Hirnhälften zu tun.

Philosophische Fragestellungen

Mit dem Philosophen Wittgenstein hat das Enten-Hasen-Kippbild Eingang in den philo­sophi­schen Diskurs gefun­den. In Wittgensteins Sprachphilosophie spielt das Phänomen des Aspektwechsels bei der Betrachtung einer Kippfigur eine zentrale Rolle. In seinen Nachlassschriften zu den Philosophischen Untersuchungen benutzt er den Hasen-Enten-Kopf als Beispiel zur Veranschaulichung der Frage, was „sehen als …“ im Unterschied zum „normalen“ Sehen bedeutet. Wittgenstein fragt sich dabei:

Sehe ich jedesmal wirklich etwas ande­res, oder deute ich nur, was ich sehe, auf verschie­dene Weise? Ich bin geneigt, das erste zu sagen. Aber warum?

entenhasenlogoNach Wittgen­stein hilft die Gestalt­theorie bei der Interpretation von Kippbildern nicht weiter; der Gestalttheorie zufol­ge nehmen wir beim Sehen des Hasen- bzw. des Enten­kopfes jeweils unter­schiedli­che Gestal­ten wahr. Nach Wittgensteins Theorie ist die Gestalt aber jedes Mal identisch; der Unter­schied liegt allein in unse­rem Seher­lebnis, das im einen Fall im Sehen eines Hasen­bildes und das andere Mal im Sehen eines Enten­bildes besteht. Für Wittgenstein ist die Frage des Aspektwechsels eine Frage der Fähigkeit, „etwas als etwas zu sehen“. Denjenigen, dem diese Fähigkeit abgeht, nennt Wittgenstein „aspektblind“. Der Aspektblinde vermag zwar in dem Sinne ein Bild „einmal so und einmal so zu sehen“, dass er auf die Frage, was er sieht, sagen könnte: „Das ist ein Hase.“ Oder: „Das ist eine Ente.“ Es würde für ihn aber nicht der eine „Aspekt in den anderen überspringen“, so dass er ausriefe: „Ah, jetzt sehe ich es als …!“ Der Aspektwechsel kann nur vom Sehenden erlebt werden. Er zeigt sich (uns) durch sein Staunen.

Deshalb ist der Enten-/ Hasenkopf auch das ideale Leitmotiv für diese Materialsammlung.

 

 Zu meinen Vorträgen: Das große (Ent-) Täuschungsmanöver