Haben Sie den Gorilla gesehen?

Ein erstaunliches psychologisches Experiment deckt Wahrnehmungsschwächen auf

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Warum passiert es immer wieder, dass Menschen Dinge übersehen, die direkt vor ihren Augen stattfinden?

Diese Frage wollten die beiden Harvard Psychologen Christopher Chabris und Daniel Simons im Rahmen ihrer Forschungen zum Thema Wahrnehmung beantworten. Sie entwickelten dazu folgendes Experiment:

Zusammen mit ein paar Studenten drehten sie ein kleines Video. In diesem Video spielen zwei Teams – ein weißes und ein schwarzes-  gegeneinander auf dem Uni-Flur Basketball. Die Testpersonen sollen beim Betrachten des Videos die Anzahl der Ballwechsel des weißen Teams zählen. Egal zu welchem Ergebnis sie dabei kommen, stellte ihnen der Experimentator dann noch ein paar zusätzliche Fragen – diese lauteten:

Ist Ihnen beim Zählen etwas ungewöhnliches aufgefallen?

Haben Sie außer den Spieler noch etwas gesehen?

Haben Sie einen Gorilla gesehen?

Erstaunlicherweise antworten ca. 50 % der Teilnehmer auf die letzte Frage mit NEIN. Knapp die Hälfte der Teilnehmer hat demnach keinen Gorilla in dem Video entdeckt, obwohl er tatsächlich dort auftaucht… Besonders groß ist dann das Erstaunen, wenn man den Teilnehmern den Film dann ein zweites Mal zeigt und sie dann nach dem Hinweis auf den Affen, diesen tatsächlich entdecken. Die eigenen Wahrnehmungsfähigkeiten werden also von den meisten Menschen vollkommen überschätzt.

Das Bemerkenswerte an diesem Experiment ist j, dass die Versuchspersonen den Gorilla ja nicht deshalb übersehen, weil sie Probleme mit den Augen haben. Wenn man seine Aufmerksamkeit einem bestimmten Bereich oder Aspekt des Sichtfeldes zuwendet, neigt man dazu Unerwartetes einfach nicht „wahr“ zunehmen, selbst wenn dieses Unerwartete auffällig und potentiell wichtig ist und sich genau dort befindet, wo man gerade hinsieht. Die Versuchspersonen im Gorilla-Experiment konzentrierten sich so stark auf das Ballspiel, dass sie für den Gorilla vor ihrer Nase „blind“ waren.

Dieses Phänomen wird in der Psychologie inzwischen als „Unaufmerksamkeits-Blindheit“ bezeichnet . Dies ist ein Effekt, den wir Zauberkünstler uns natürlich auch immer wieder zu Nutze machen. Aber auch im täglichen Leben gibt es viele Momente der Unaufmerksamkeit – die manchmal auch zu sehr dramatischen Folgen führen können, wenn ein Autofahrer zum Beispiel den Motorradfahrer übersieht, der gerade bei voller Sicht in die Straße eingebogen ist. Große Bedeutung kommen diesem Experiment auch bei der Bewertung von Zeugenaussagen vor Gericht zu. Welcher Zeuge hat in diesem Fall die „Wahrheit“ gesagt. Der der den Gorilla gesehen hat oder der, der ihn nicht gesehen hat?

Nicht zuletzt wegen seiner praktischen Bedeutung wurde das „Gorilla-Experiment“ von Christopher Chabris und Daniel Simons wurde eines der berühmtesten Psychologieexperimente überhaupt. Das Experiment zeigt sehr überzeugend, dass Menschen ihre kognitiven Fähigkeiten ständig überschätzen.

Wer mehr über die Unaufmerksamkeitsblindheit und fünf andere erstaunliche Alltagsillusionen erfahren möchte, dem sei das Buch „Der Unsichtbare Gorilla“ wärmstens empfohlen.

Hier ist das Video aus dem Experiment.

Zu meinem Vortrag: Das große (Ent-) Täuschungsmanöver und meiner Dinner-Show Mind, Meal and Magic

Website zum Buch: The invisible Gorilla