Das Hütchenspiel

Ein zeitloser Schwindel bei dem man niemals gewinnen kann...

Ein Hütchenspieler beim Derby Day. Ausschnitt aus dem Gemälde "The Derby Day" von W.P. Frith.

In allen größeren Städten und Tourismuszentren Europas ist die folgende Szene inzwischen ein vertrautes Bild: An einem stark frequentierten öffentlichen Platz  in Fußgängerzonen, in Bahnhofszonen oder auf Flohmärkten gruppieren sich neugierige Menschen um einen Spieler der eine kleine Kugel unter drei Nussschalen oder Streichholzschachteln platziert und diese auf der am Boden improvisierten Spielfläche hin- und herschiebt.  Der Spieler gaukelt den nichts ahnenden Zuschauern vor auf einfachste Weise gewinnen zu können. Er müsse nur raten unter welcher der Nussschalen die Kugel steckt. Der Einsatz bei diesem Spiel beträgt meist 50 Euro gesetzt – und ist am Ende todsicher verloren.

Der älteste Trick der Welt

Requisiten und Griffe des Becherspiels. Kupferstich von 1786

Requisiten und Griffe des Becherspiels. Kupferstich von 1786

Das Spiel dürfte wohl eine der ältesten Betrugsmaschen der Weltgeschichte sein. Es wurde vermutlich von einem Zaubertrick inspiriert der bereits im alten Ägypten bekannt war und der von Seneca beschrieben wurde. Bei dem als Becherspiel bekannte Kunststück wandern mehrere Bälle oder Nüsse unter Bechern hin und her. Dieses klassische Kunststück diente damals wie heute nur zur Unterhaltung und gehört noch immer zum Repertoire vieler Zauberkünstler.

Es gibt auch eine – vor allen in England und USA – ebenfalls sehr populäre Variante dieses Betrugsspiels die mit drei Spielkarten gespielt wird. Sie wird Kümmelblättchen oder auch „Find the Lady“ genannt. Dabei werden dem Opfer drei Spielkarten gezeigt – meist sind es zwei schwarze Zahlenkarten und eine rote Dame oder ein rotes As – und diese auf den Tisch geworfen und gemischt. Das Opfer muss dann raten, wo sich die Dame oder das As befindet. Auch dieses Spiel ist natürlich reiner Betrug.

Denn nur Prellen ist der Zweck des Kümmelblättchens!
Es kann garnicht ehrlich gespielt werden,
es ist überhaupt eigentlich gar kein Spiel,
sondern lediglich ein auf plumper optischer Täuschung
beruhender Betrug.

Signor Domino, Das Spiel, die Spielerwelt und die Falschspieler 1886

Interessante Psychologische Aspekte des Betrugs

huetchenspielTrotz regelmäßiger Warnungen in den Medien bei denen auch die Tricks der Spieler erklärt werden, fallen immer wieder unzählige Menschen auf das Hütchenspiel oder das Kümmelblättchen rein und verlieren nicht geringe Summen. Warum ist das so?  Der Grund dafür ist, dass das Spiel nicht nur auf einer manipulativen Täuschung sondern auch auf einer sehr interessanten psychologischen Finte basiert: Die Psychologie des Hütchenspiels besteht meist darin, den Mitspieler in den Glauben zu versetzen, er könne die Kugelbewegung mit den Augen und seinem Verstand verfolgen, er also eine reelle Gewinnchance habe. Diese Gewinnchance wird durch eine geschickte Inszenierung suggeriert: Bei „Demo-Runden“ werden die Hütchen ziemlich langsam verschoben und man kann genau erkennen, wo die Kugel ist. Der Spieler arbeitet auch niemals alleine sondern immer im Team. Komplizen des Spielers bilden um diesen eine Menschentraube, sodass Passanten dem Herdentrieb folgend stehen bleiben und neugierig werden. Je größer eine Gruppe ist, desto mehr Aufmerksamkeit erzielt sie von Passanten und erleichtert es dem Opfer, in der Anonymität der Masse dem Geschehen zunächst distanziert zu folgen. Einige der Komplizen spielen zunächst als Lockvogel scheinbar gegen den Spielemacher. Es sieht auch so aus als würden sie dabei gewinnen und vom Spielmacher Geld kassieren. Manchmal tippt der Lockvogel auch bewusst falsch, obwohl die richtige Position des Objekts klar sichtbar war, sodass sich die Zuschauer im überlegenen Gefühl desjenige wiegen können, der es eigentlich besser weiß.
In beiden Fällen wird dem unbeteiligten Zuschauer dadurch eine reale Gewinnmöglichkeit vorgegaukelt. Wenn sich das Opfer dann zu einem Einsatz entschlossen hat, kommt es auch oft vor, dass die Spieler ihre Opfer zunächst ein paar Mal gewinnen lassen um sie hierdurch zu höheren Einsätzen zu verleiten. Ferner animiert die Gruppe zu Einsätzen, indem sie den Mitspieler bei seinen anfänglichen Gewinnen mit entsprechenden Reaktionen für seine vermeintliche Leistung psychologisch belohnt und eine entsprechende Spielstimmung aufbaut.

Spieler gehören zu organisierten Banden

Die Hütchenspieler sind häufig in mafiosen Banden organisiert, die dafür sorgen, dass keine fremden „Anbieter“ im jeweils beanspruchten Gebiet agieren können, und an die ein Großteil des Gewinns abzuführen ist. Neben dem eigentlichen Hütchenspieler und zum Schein mitspielenden oder anderweitig zum Mitspielen motivierenden Personen sind oft auch Personen beteiligt, die für das Warnen vor eventuell sich nähernden Polizei- oder Ordnungskräften oder für die Verwahrung des Geldes (Bunker genannt) zuständig sind.

Strafbarkeit des Hütchenspiels oder Kümmelblättchens

Bei korrekter Spielweise – also ohne Manipulation – wäre das „Hütchenspiel“ ein erlaubnisfreies Geschicklichkeitsspiel. Das „Hütchenspiel“ (und vergleichbare Spiele) gilt solange als straflos, wie die Konzentrations- und Merkfähigkeit eines durchschnittlichen Mitspielers die Entscheidung über Gewinn- und Verlustchancen wesentlich beeinflussen kann (Urteil gem. BGH-Beschluss 2 StR 461/88 vom 11.01.1989). Ein verbotenes Glückspiel gem. § 284 StGB liegt dann vor, wenn der „Hütchenspieler“ das Hütchen so schnell bewegt, das der durchschnittliche Mitspieler aufgrund seiner (naturgemäß beschränkten) geistigen und kognitiven Fähigkeiten den Verlauf des gewinnbringenden Hütchen nicht mehr verfolgen kann. Wenn der Spieler nur noch erraten kann unter welchem Hütchen sich das Kügelchen befindet bzw. welche der Karten die Dame ist, hängt die Gewinnmöglichkeit nur noch vom Zufall ab. Als Betruges gem. § 263 StGB ist das Hütchen oder Kümmelblättchen dann strafbar, wenn der Spielausgang durch eine Manipulation (Täuschungshandlung) durch den Hauptspieler oder „Anreißer“ beeinflusst wird. Das heißt, wenn die kleine Kugel mit besonderer Geschicklichkeit oder Fingerfertigkeit heimlich von einem Hütchen zum anderen  verschoben wird. Dadurch hat der Mitspielende Zuschauer faktisch keine Gewinnaussichten mehr. Damit kann man eigentlich davon ausgehen, dass jedes der auf den Straßen angebotene Hütchenspiel oder Kümmelblättchen  auch strafbar ist, denn hier wird stets getäuscht. Im konkreten Einzelfall müssen allerdings strafbare Handlungen durch den Spieler gerichtsfest nachgewiesen werden können. Dies ist jedoch in der Praxis nur schwer möglich. Häufig werden die Verfahren daher in der Regel aus Mangel an Beweisen eingestellt. Der Polizei bleibt in der Praxis häufig nur die Möglichkeit gegen die Spieler Platzverweise auszusprechen. Es gab auch auch schon Bestrebungen einzelner Staatsanwaltschaften bereits das Anbieten des Hütchenspiels als einen strafbarer Versuch des Betruges zu qualifizieren, bei dem der Mitspielende jedoch straflos bleibt. Das potentielle Opfer werde bereits durch das bloße Anbieten des Spiels über die eigentlichen Gewinnaussichten hinweggetäuscht. Entgegen seiner Erwartungen hat der Mitspielende keine Chance, aufgrund seiner Beobachtungsgabe, das Spiel zu gewinnen. Das rechtfertigt die Annahme einer konkreten Vermögensgefährdung des Mitspielenden und kann somit als (versuchter) Betrug gewertet werden.

Zu meinen Vortragsprogrammen: Blöff!, Das große (Ent-) Täuschungsmanöver

Interessantes Video über die Hütchenspielerszene in Berlin von Spiegel.tv

Entscheidung des BGH zur Strafbarkeit des Hütchenspiels