Geheimsache Zauberkunst

Über das Geheimnis im Zeitalter der Transparenz. Ein Essay von Markus Laymann

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„Jede Art von Kultur beginnt damit, dass eine Menge von Dingen verschleiert wird. Der Fortschritt des Menschen hängt an diesem Verschleiern“
Friedrich Nietzsche

Es war an einem Sonntag im August. Wieder einmal ging ein entsetzter Aufschrei durch die magische Szene: Trickerklärung im TV! Zur besten Sendezeit im ZDF Fernsehgarten – dem Gute-Laune-Frühstücksfernsehen für die ganze Familie. Was war geschehen? Ein bisher in der Fachwelt eher unbekannter Vertreter der gerade so beliebten Gattung „Young Urban Streetmagician“ enthüllte im Anschluss an eine eher mediokre Vorführung von Michael Skinners „Ultimate Three Card Monte“ nach Aufforderung durch die stets nervig aufgeputschte Moderatorin das Trickgeheimnis dieses beliebten magischen Kleinods. Schockschwere Not: Millionen überraschter Zuschauer wissen nun, dass es Spielkarten mit falschen Indizes gibt. Das Unheil hatte sich im TV noch nicht ganz versendet, schon erschallten die Rufe „Skandal“ und „Verrat“ fast unisono aus allen Magiermunden und in den sozialen Netzwerken ging sofort ein Shitstorm auf den als Verräter gebrandmarkten Protagonisten nieder. Erstaunlicherweise funktioniert fast zwei Jahrzehnte nachdem der „Maskierte Magier“ sein mediales Unwesen trieb dieser magische Ur-Reflex noch immer. Unter Täuschungskünstlern herrscht schließlich weitgehend Einigkeit darüber: Trickerklärung in der Öffentlichkeit – das geht gar nicht! Schließlich lernt schon jedes Kind kurz nach dem Öffnen seines Zauberkastens die oberste magische Regel: Hüte das Geheimnis: Verrate nie einen Trick! Deshalb ist jeder Verräter zu ächten – um potentielle Nachahmer abzuschrecken und um das Haus sauber zu halten.

Trickverrat führt zur (Ent-)Täuschung

So richtig scheint uns das mit der Geheimhaltung jedoch nicht mehr Recht zu gelingen; Mehr als 15.000 Ergebnisse allein für die Suchabfrage „Zaubertricks mit Auflösung“ auf Youtube.de belegen dies ziemlich eindrücklich. Aber warum soll es uns Zauberern in diesen Tagen besser ergehen als anderen geheimen Dienstleistern? Schließlich schaffen es auch NSA & Co. in unseren westlichen Transparenzgesellschaften nicht mehr ihre einst wohlgehüteten Geheimnisse für sich zu bewahren. War der maskierte Magier also nur ein „Whistleblower“ im Geiste eines Edward Snowden und hatte er daher sogar das Recht sein Wissen zum Zwecke der Volksaufklärung öffentlich zu machen? Sicher hinkt dieser Vergleich – nicht nur aufgrund der möglichen persönlichen Folgen für den Verräter. Was sind schon ein paar herabwürdigende Kommentare auf der Facebook-Wall gegen ein erzwungenes Leben im Exil oder die Aussicht auf eine dreißigjährige Gefangenschaft in einem amerikanischen Bundesgefängnis? Auch die Folgen für die Öffentlichkeit – also diejenigen, die durch den Verrat plötzlich mit einer neuen Version der Wirklichkeit konfrontiert wurden sind in beiden Fällen völlig gegensätzlich: Durch die Offenlegung eines bislang verborgenen Staatsgeheimnisses kommt es zu einem öffentlichen Erkenntnisgewinn im Sinne der Aufklärung, speziell wenn das Geheimnis ein verfassungswidriges Verhalten der Staatsorgane offenbart. Der „Verrat“ ist für das Funktionieren einer demokratischen Gesellschaft also unbedingt notwendig. Jeder mündige Bürger hat schließlich das Recht zu erfahren, was der Staat in seinem Namen tut um darauf aufbauend seinen politischen Willen zu bilden. Im Falle des magischen Trickverrats führt die Ent-Täuschung dagegen zur unmittelbaren Enttäuschung. Der Gewinn einer Erkenntnis erfolgt zum Preis des Verlusts einer Illusion. Eine Version der Wirklichkeit, wird gegen eine andere – profanere – Version ausgetauscht; denn seien wir ehrlich: Lüftet man den Schleier des magischen Geheimnisses erscheinen viele unserer „Wunder“ doch oft banal und simpel. Dass zu einer magischen Präsentation immer mehr als nur das Trickgeheimnisses gehört, vermag der Zuschauer nicht zu erkennen. Wie soll er auch die Komplexität eines perfekten Zauberkunststücks analysieren, wenn wir ständig bemüht sind alles ganz „normal und natürlich“ aussehen zu lassen? Bereits der römische Philosoph und Dramatiker Seneca scheint dies erkannt zu haben als er im Bezug auf die Tricks der Gaukler schrieb „Es ist der Trug, der mich ergötzt. Aber wenn Du mir zeigst, wie der Trick funktioniert, verliere ich das Interesse daran.“

Das Geheimnis die Essenz der Zauberkunst

Aber nicht jeder Magier gerät im Hinblick auf das Thema Geheimnisverrat in Rage: Viele Kollegen sehen es eher fatalistisch solange es nur die Tricks der Kollegen sind, die gerade enthüllt wurden und nicht die Lieblings-Piecen des eigenen Programms. Andere nehmen es sogar sportlich und entwickeln daraus den Ehrgeiz das aufgeklärte Publikum mit immer neuen und besseren Illusionen zu täuschen. So wie einst Harry Kellar, der in seinen Shows unter anderem auch eine ziemlich aufwändig konstruierte und teureTrickbox verwendete. Als ein Zuschauer äußerte, dass er das Geheimnis der Kiste kenne, zerschlug der Meistermagier die Box noch am selben Abend mit einer Axt und wies seinen Assistenten an eine neue zu konstruieren, deren Geheimnis dann niemand mehr ergründen könne. So verhält sich ein wahrer magischer Gentleman. Aber Hansini ist nicht Harry Kellar und im Medienzeitalter kann sowas schnell in einem ziemlich aufwändigen niemals endenden Wettlauf münden bei dem vielen Künstlern schnell die Luft ausgeht.

Das Geheimnis ist also die Essenz unserer Kunst. „Der Zauberkunst das Wunderbare zu nehmen“ so formulierte es Orson Welles, „wäre ebenso zerstörerisch wie die Musik des Tons zu berauben“. Oder weniger prosaisch formuliert: Zauberkunst ohne Geheimnis ist wie Siegfried ohne Roy. Wir tun also doch gut daran, in Zukunft noch mehr auf unsere Geheimnisse zu achten. Oder ist es dafür schon zu spät weil wir bereits alle unsere intellektuellen Schätze zu Markte getragen haben… Noch nie war es so einfach wie heute Zugang zu magischem Wissen zu erhalten. Zweifelsohne ist der Verlust vieler magischer Geheimnisse auch das Ergebnis einer immer weiter fortschreitenden Kommerzialisierung unserer Kunst; schließlich ist der Handel mit magischen Geheimnissen (schon lange bevor die Chinesen dies erkannt hatten) ein stetig wachsender weltweiter Markt. Waren in vorbartelscher Zeit Zaubergeschäfte noch mysteriöse Kontore zu denen nur die Fachwelt Zugang erhielt, bilden heute tausende Webshops eine für jedermann nie verwiegende Quelle für Zauberkunststücke en gros et en detail. So praktisch das barrierefreie Shoppen für uns Zauberer auch sein mag, so problematisch ist es doch aus Sicht der Geheimhaltung. Für den Laien muss es doch sehr desillusionierend sein, wenn er quasi „im Vorbeiklicken“ entdeckt, dass alle Wunder käuflich sind. Alle Tricks über die er unlängst beim Magier seines Vertrauens noch staunen konnte, haben nunmehr alle einen Preis und sind sämtlich innerhalb von 24 Stunden auch für ihn erhältlich. Das ist ein schönes Beispiel für „Profanisierung durch Kommerzialisierung“. Längst sind es auch nicht mehr ausschließlich die virtuellen Wunderbutiken in denen man ein reichhaltiges Sortiment an magischen Kostbarkeiten findet – auch auf den merkantilen Massenplattformen Amazon.com und eBay findet man heute bereits unzählige professionelle Tricks, Props und alle Arten magischer Medien. (Auch Michael Skinners Ultimate 3-Card Monte – der Trick dessen Aufdeckung im Fernsehgarten die magische Gemeinde so erzürnte ist übrigens schon seit längerem bei Amazon.uk für 6,60 Pfund mit einem Klick erhältlich…)

Sind also gewissenlose Geschäftemacher und die Youtube-Erklärer allein schuld daran, dass wir Trick für Trick unsere Geheimnisse verlieren? Diese Schuldzuweisung wäre zu einfach. Wenn wir mit dem Finger auf andere zeigen, dann sollte uns bewusst sein, dass auch stets drei Finger derselben Hand auf uns zurückweisen: Hand aufs Herz: Wie geht denn jeder Einzelne von uns mit den ihm anvertrauten magischen Geheimnissen um? Sind wir uns bei unserer Täuschungsarbeit stets bewusst, dass wir auch selbst Verantwortung für den intellektuellen Schatz tausender Jahre Magie-Geschichte tragen? Wohl kaum. Kein Profi oder Halbprofi kann heutzutage anscheinend darauf verzichten gegen „Einwurf kleiner Münzen“ sein magisches Wissen in irgend einer Art und Weise zu vermarkten: Sei es der Volkshochschulkurs „Mutti macht Magie. Selbst Zaubern auf Kindergeburtstagen“ oder das Managementseminar „Simsalabusiness – Mit Tricks zum Erfolg“ – in jedem dieser beliebten Bildungsprodukte werden ganz selbstverständlich Trick-Geheimnisse gegenüber Laien offenbart. Und all das geschieht nicht nur im Einklang mit den Statuten unseres Zirkels sondern auch mit dessen aktiver Beteiligung; viele Ortszirkel veranstalten heute in Sorge um den Nachwuchs regelmäßig Zauberkurse und der MZvD-Vorstand diskutiert schon länger den Aufbau einer eigenen Zauberschule. Braucht es derlei Initiativen wirklich oder sind sie nur Ausdruck hilfloser Resignation nach dem Motto „Wenn wir es schon nicht verhindern können, dann machen wir es wenigstens richtig…“? Und auch in der internen Zirkelarbeit hat in den letzten Jahrzehnten ein bemerkenswerter Kulturwandel im Hinblick auf den Umgang mit Trickgeheimnisses stattgefunden. Während es früher bei weitem nicht selbstverständlich war, dass im Rahmen des Zirkelabends allen Anwesenden auch alle gezeigten Tricks sofort erklärt wurden, gilt es heute als unkameradschaftlich wenn man ein schönes Kunststück nicht mit seinen Zauberfreunden teilt. Man ist doch unter Brüdern und Schwestern… Während sich früher beim Eintritt des notorisch neugierigen Obers in das Nebenzimmer der Gaststätte unmittelbares Schweigen aller Zirkelmitglieder einstellte wird heute oft kein Wert mehr auf derlei klandestines Gehabe gelegt. Schließlich tut der gute Mann doch nur seine Arbeit…

Die Kunst der Aufklärung

Generell hatte Geheimhaltung nicht immer die erste Priorität in der Magierschaft: Die Zauberkunst ist schließlich auch die Kunst der Aufklärung. In diesem Bewusstsein sahen sich auch immer wieder prominente Zauberkünstler genötigt Täuschungen gegenüber der Öffentlichkeit zu offenbaren. Wir erinnern uns: Bereits das erste gedruckte Zauberbuch „Discovery of Whichcraft“ diente doch allein dem Zweck der Volksaufklärung im Kampf gegen die Hexenverfolgung, Altmeister Robert-Houdin entlarvte öffentlich die Tricks der algerischen Marabout-Zauberer, die im 19. Jahrhundert die französischen Besatzer herausforderten und Harry Houdini engagierte sich lange Jahre mit öffentlich im Kampf gegen Spiritisten und Medien. Die amerikanischen Top-Stars Penn & Teller sehen sich offenbar dieser Tradition verpflichtet wenn sie immer wieder Trickerklärung als beliebtes Stilmittel in ihren Shows einsetzen. Allerdings ohne das Ganze als „Aufsitzer“ zu inszenieren, was ja nur die „Fallhöhe des Staunens“ vergrößern würde. Nein, sie machen die Erklärung zum zentralen Element der Performance und führen beispielsweise das Becherspiel mit durchsichtigen Plastikbechern vor unter denen sich dem Zuseher natürlich jeder Move und jede Ladung offenbart. Dem Publikum scheint es ganz offensichtlich zu gefallen, wenn der „Oha-Effekt“ mit dem „Aha-Effekt“ vertauscht wird. Aber ehrlich – Was hat diese Form des Infotainments denn eigentlich noch mit Zauberkunst zu tun? Das Alleinstellungsmerkmal unserer Kunst – „das Staunen“ wird hier konsequent zerstört um den Gewinn eines Lachers oder eines kleinen bisschen Mehr an Wissen. Ein Wissen übrigens, das völlig nutzlos wäre, wenn vorher das Rätsel nicht existiert hätte.

Paradigmenwechsel: Hin zum kontrollierten Geheimnisverrat?

Der Erfolg scheint Penn & Teller jedoch zunächst einmal Recht zu geben. Deshalb müssen wir uns fragen: Liegt in diesem Paradigmenwechsel vielleicht sogar die adäquate Zukunftsstrategie der Zauberkunst? Kontrollierter Geheimnisverrat könnte also eine sinnvolle Überlebensstrategie für die Zauberkunst in einer Zeit sein in der eh jeder, „ders wissen will“ im Internet sofort (s)eine Lösung für jedes erdenkliche Kunststück googeln kann. Spätestens seit Wikileaks und Wikipedia ist uns ja allen klar: Das WorldWideWeb ist – nach der Erfindung des Buchdrucks – das zweite große Armageddon für alle, die ihre Geheimnisse bewahren möchten. Und mit jedem neuen „Device“ das den Apple-Store verlässt wird’s für uns Zauberer offenbar auch immer schlimmer; die Zuschauer rüsten ständig technisch immer weiter auf. Während man zu Beginn des Jahrtausends nach dem Besuch einer Zaubershow erst noch nach Hause eilen musste und um dort im Internet nach einer Lösung für ein magisches Rätsel zu suchen, trägt heute jedermann das Weltwissen auf dem Smartphone in seiner Hosentasche; die Recherche kann damit schon in der Showpause beginnen (wenn die Zuschauer den Anstand besitzen solange zu warten…) Und wer weiss… Vielleicht sitzen uns schon bald Cyborg-Zuschauer gegenüber, die Datenbrillen tragen mit denen sie direkt durch die Röhre in das Innerste der Fantasta schauen können. Google Glass könnte sie dann auch gleich darüber informieren, dass das seltsame bunte Federgestrüpp das bisher noch im Inneren der Röhren verborgen ist in der Phantasiewelt des Zauberers so etwas wie „Blumen“ darstellen soll. Damit wäre dann auch das letzte Geheimnis der Zauberkunst gelüftet.

Ein Beitrag für die Zauberfachzeitschrift MAGIE.

Zu meinem Vortrags-Programmen: Das große (Ent-) Täuschungsmanöver, Über die Kunst der Zauberns.