Die Großmutter ist tot.

Wie der Zweite Weltkrieg mit einer Täuschung begann.

Die deutschen Zeitungen berichten am 1.9.2014 über den "Überfall auf den Sender Gleiwitz"

”Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!” Mit diesen inzwischen schon legendären Worten verkündete Adolf Hitler am 1. September 1939 im Reichstag den Angriff auf Polen. Das Wort “zurückgeschossen” ist dabei das zentrale Wort dieser Kriegserklärung. Seine Verwendung durch Hitler impliziert, dass es einen Angriff Polens auf Deutschland gegeben habe, gegen den man sich nun verteidigen dürfte. Das erste Opfer jedes Krieges ist die Wahrheit. Im Falle des zweiten Weltkriegs, ist der Krieg selbst sogar das Produkt einer systematischen Täuschung: Der konkrete Anlass der das “Zurückschießen” rechtfertigen sollte war ein tags zuvor erfolgter angeblicher Überfall auf einen deutschen Rundfunksender im oberschlesischen Gleiwitz durch polnische Truppen. Allerdings hat dieser Angriff so nie stattgefunden. Vielmehr wurde er fingiert von SS-Truppen, die sich als polnische Freischärler verkleideten.
Dieser vorgetäuschte Überfall war Teil eines lang ersonnenen Plans der Nazi-Führung um einen halbwegs akzeptablen Kriegsgrund zu konstruieren. In einer Ansprache Hitlers vor den Oberbefehlshabern der Wehrmacht äußerte Hitler unverwunden.

„Die Auslösung des Konfliktes wird durch eine geeignete Propaganda erfolgen. Die Glaubwürdigkeit ist dabei gleichgültig, im Sieg liegt das Recht.

Am 10. August 1939 hatte der Chef des SD Reinhard Heydrich dem SS-Sturmbannführer Alfred Naujocks befohlen, einen Anschlag auf die Radiostation bei Gleiwitz in der Nähe der polnischen Grenze vorzutäuschen und es so erscheinen zu lassen, als seien Polen die Angreifer gewesen. Laut Naujocks hatte Heydrich gesagt:

„Ein tatsächlicher Beweis für polnische Übergriffe ist für die Auslandspresse und für die deutsche Propaganda nötig.“

Naujocks befand sich seit Mitte August 1939 mit seiner Truppe in Gleiwitz und wartete auf seinen Einsatzbefehl. Am Nachmittag des 31. August 1939 gegen 16 Uhr erhielt er

Der Sender Gleiwitz

Der Sender Gleiwitz

einen Anruf aus Berlin mit der Parole „Großmutter gestorben“. Gegen 20 Uhr drang Naujocks dann mit einer handvoll SS-Leuten mit Maschinenpistolen bewaffnet in Zivil, polnische Freischärler darstellend, in das Sendegebäude des Senders Gleiwitz ein.

Zwei Polizisten, die an der Pforte Wache schieben sollten, waren in die Aktion eingeweiht, der Pförtner hatte seinen Posten verlassen. Im Betriebsraum des Senders überwältigten die Männer vier Personen und brachten sie gefesselt in einen Kellerraum. Dann wurde über den Sender  in deutscher und polnischer Sprache ein angeblicher Aufstand der polnischen Minderheit ausgerufen:

„Achtung! Achtung! Hier ist Gleiwitz. Der Sender befindet sich in polnischer Hand … Die Stunde der Freiheit ist gekommen! … Hoch lebe Polen!“

Die Aktion dauerte nur wenige Minuten, dann verschwanden Naujocks und seine Männer wieder. Zurück blieb ein Toter. Es handelte sich um einen 41-jährigen Oberschlesier. Seine Leiche sollte als Beweis für einen angeblichen polnischen Überfall in der Sendeanlage dienen. Das Opfer war ein bei der Gestapo als polenfreundlich bekannte Vertreter für Landmaschinen, der erst am Vortag in einem Nachbardorf von Gleiwitz verhaftet worden, da eine Person als angeblicher Täter benötigt wurde, der man einen Überfall auf den Sender und eine antideutsche Rede im Rundfunk zutraute.

Eilig mit Blitzlicht aufgenommene Fotos des Toten wurden nach Berlin geflogen, doch die Aufnahmen entsprachen nicht Heydrichs Vorstellungen. Deshalb wurden noch in derselben Nacht zwei weitere Tote aus dem KZ Sachsenhausen herbeigeschafft und im Schaltraum des Senders zurechtgelegt.

Dem vorgetäuschten Überfall folgten dann “zur Absicherung” noch weitere Täuschungen: Neben einem weiteren „Überfall“ am späten Abend auf ein Forsthaus im Grenzland der Kleinstadt Pitschen durch „polnische Freischärler“ wurde gegen 4 Uhr morgens ein Feuergefecht zwischen deutscher Grenzpolizei und polnischen Truppen am Zollhaus in Hochlinden vorgetäuscht.

Um 22.30 Uhr berichtete dann erstmals der Reichsrundfunk über den Überfall auf den Sender Gleiwitz und andere Grenzzwischenfälle. Am nächsten Tag erschien in der gesamten deutschen Presse die Meldung vom angeblichen Überfall. Der Völkische Beobachter schrieb unter der Überschrift „Der unerhörte Bandenüberfall auf den Sender Gleiwitz“,

„die polnische Meute“ hat sich dazu „hinreißen lassen, die Reichsgrenze zu überschreiten, einen deutschen Sender zu überfallen, und die Kriegsfackel an ein Pulverfaß zu legen, dessen Existenz vor der Geschichte die Polen einmal zu verantworten haben werden.“

So wurden die Täuschungen der SS – obwohl sie leicht durchschauen waren und schon bald von der Bevölkerung vor Ort als “schlechtes Hörspiel” bezeichnet wurden zur propangandistischen Rechtfertigung für den deutschen Überfall auf Polen. Bereits am Tag nach dem Überfall auf den Sender am 01.September beginnt das Kriegsschiff „Schleswig- Holstein“ um 04.45 Uhr mit dem Beschuss polnischer Einheiten auf der Westerplatte. Und gegen 10.00 Uhr erklärt Hitler dann: „Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen“. Warum er hier die falsche Uhrzeit nannte, ist unklar. Die Schüsse bei Danzig sind das Signal für die deutsche Wehrmacht, auf breiter Front die polnische Grenze zu überschreiten. Der Zweite Weltkrieg hat begonnen – Der Rest ist traurige Geschichte – mit mehr als 50 Millionen Tote weltweit.

Ein Augenzeugenbericht im Video:

Zu meinem Vortrag: Razzle Dazzle – Täuschung in der Politik

Beitrag auf einestages.de zum Überfall auf den Sender Gleiwitz

Eidesstattliche Erklärung des SS-Sturmbannführers Naujock